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Hundetraining / Leben mit Hund

Wenn das Äußere stimmt, wächst das Innere nach?

(Anzeige | unbezahlt) Hundeerziehung war seit Beginn dieses Blogs ein Thema – ein großes sogar. Denn nichts funktionierte. Was mir viel Inspiration für immer neue Blogbeiträge bescherte, brachte mich im wahren Leben jedoch zum Weinen.

Ein bunter Strauß voller Belohnungen

Enki ist ein Hund, der sich nicht gerne bestechen lässt. Er nimmt draußen keine Leckerlies und er findet Spielzeug nur im heimischen Garten toll. Wenn ich ihn mit Belohnungen bestärken sollte, funktionierte das immer genau so lange, wie unsere Trainerin anwesend war. Dort war er Musterschüler. Zuhause zeigte er mir die Mittelkralle. Irgendwann sollte ich meinen bunten Blumenstrauß an Belohnungen erweitern. Schnüffeln als Belohnung stand unter anderem im Raum. Und ich hatte immer häufiger das Gefühl, so nicht an Enki ran zu kommen. Eine immer ausgefeiltere Liste mit möglichen Belohnungen würde unser Zusammenleben auch nicht verbessern.

Eine Belohnung wird verteilt, wenn wir etwas gut oder überhaupt gemacht haben, wozu wir vorher aufgefordert worden sind. Das Erkennen einer selbstständigen Leistung ist die Anerkennung, die wiederum die Bereitschaft fördert, auch in Zukunft selbstständig zu agieren. – Ulv Philipper

Von 2016 bis zum Frühjahr 2018 habe ich versucht, Enki mit positiver Verstärkung, Clicker und Markerworten zu erziehen und er ging nach 2 Jahren immer noch nicht an der Leine, pöbelte andere Hunde an und an Freilauf war partout nicht zu denken. Ich drehte mich im Kreis, ohne dem Ziel eines gemeinsamen entspannten Lebens einen Schritt näher zu kommen.

Dann kam der Tag, an dem er nicht nur pöbelte, sondern einen anderen Hund angriff. Der Schock saß tief. Mein Hund, mein wunderbarer Hund, fällt einen anderen Hund an. Ich habe mich noch nie so als Versagerin gefühlt wie an diesem Tag. Es nützte nichts, dass der andere Hund „nur“ nass durch Enkis Sabber war und keine Schrammen davon getragen hat. Der Anblick allein reichte, dass sich mir immer noch die Nackenhaare aufstellen.

Be the Pack Leader!

Ich redete mir ein, dass das halt Enkis dickköpfiges Herdenschutzhund-Erbe sei und dass ich vielleicht weniger sanft mit ihm sein dürfe. Ich orientierte mich mehr zu den Körpersprachlern, Leitwölfen, Pack Leadern und wie sie sich alle nennen.

Enki körperlich einschränken war nichts, was mir leicht fiel. Ich empfinde das als herabsetzend und unwürdig, einem Lebewesen über Körperlichkeit Grenzen zu setzen. Es half auch nichts, dass mir immer wieder erzählt wurde, Hunde würden das untereinander auch so machen. Machen sie nämlich nicht. Danke. Ich habe genug Hunde beobachtet. Hunde setzen ihren Körper ein, um ihre eigenen Grenzen zu schützen. Nicht, um einem anderen Hund ihren Willen aufzuzwingen.

Es kam, wie es kommen musste. Enkis und meine Beziehung zerbrach vollends. Keine Spur mehr von Vertrauen und Miteinander. Übrig blieb nur noch die vage Erinnerung an ein Wir, das es schon lange nicht mehr gab.

Als Enki mir dann im Januar 2019 im Arm hing, weil er aggressiv auf zwei Herdenschutzhunde hinter einem Zaun reagierte (unsere tägliche Nemesis) und ich ihn körperlich davon abbringen wollte, war das Ende erreicht. Enkis Zähne um meinen Unterarm sahen wir uns in die Augen. Und ich sah da eine Spur Überraschung, dass es mit ihm so durchgegangen war. In meinen Augen sah er sicher Tränen, dass ich uns so weit verkommen ließ.

Kontrolle zerstört jede freiwillige Gemeinschaft! […] Dabei ist eine Erkenntnis von großer Bedeutung: Wollen kann man nicht erzwingen! – Ulv Philipper

Das Ende unseres Trainings – für immer!

Ich brach das Training ab. Alles. In jeder Form. Ich beschloss, dass ich für den Rest von Enkis Leben nur noch Management betreiben würde, wenn mir nicht irgendwann irgendeine Erziehungsmethode über den Weg liefe, die Sinn ergebe. Die mein Bauch nicht verurteilen würde.

Also suchte ich mir einsame Zeiten für Spaziergänge und führte Enki konsequent an der Leine. Ich kam nie auf die Idee Kontrolle abzugeben, sondern lud mir immer mehr und mehr Verantwortung für Enkis Handeln auf, um nur ja nicht in eine Situation des Kontrollverlustes zu kommen. Leichtigkeit? Fehlanzeige. Freude im Alltag mit Hund? Wo denkst du hin. Verantwortung ist ein harter Job, da hat Lachen nichts zu suchen. Oh ja, rational war mir klar, dass das gedanklicher Bullshit-Alarm de luxe war. Aber wenn einem die Alternative fehlt, springt man nicht aus dem Hamsterrad. Man könnte ja unter die Räder kommen.

Kurze Zeit später kam Kane und ich orientierte mich an der Waldorf-Pädagogik, um diesen jungen Hund in die Welt zu geleiten. Und ich merkte, dass das ein wunderbarer Umgang ist, den ich gerne weiter verfolgen würde. Aber leider schaffte ich es nicht, mir daraus eine Blaupause für unser zukünftiges gemeinsames Leben zu erarbeiten.

Ich wusste nur, was ich nicht wollte. Ich wollte nicht mehr respektlos mit meinem Hund umgehen und mich über ihn erheben. Ich wollte auch nicht mehr mit Taschen voller Kekse durch die Gegend laufen, die dann doch nicht interessant genug waren – mit dem flauen Gefühl, ich müsse mich anders noch interessanter machen. Es wäre alles nur mein Fehler, weil ich keine Liste mit 10 möglichen Belohnungen zusammen bekomme.

Versteht mich nicht falsch, all diese Methoden mögen irgendwem helfen und zu einem wunderbaren Zusammensein mit seinem Hund führen. Für mich jedoch nicht. Nichts davon passt zu meinen persönlichen Werten und Moralvorstellungen. Ich wollte echtes „auf Augenhöhe“.

Kennst du den Film „Keinohrhase“? Jürgen Vogels großartigen Auftritt mit dem Ausspruch „Wenn das Äußere stimmt, wächst das Innere nach“? So fühlte ich mich in quasi jedem Hundetraining, bei nicht wenigen Trainern, die ich live kennenlernte oder deren Bücher ich las. Ich wollte aber eine Trainingsmethode für das Innere, in der Hoffnung, dass dann das Äußere folgen würde.

Unser Weg zum Stop-Konzept

Und da liefen mir bei Instagram immer wieder Stories über den Weg – Danke an Juli und Nepi an dieser Stelle – die mich neugierig machten. Ich las das Buch „Dog Management“ von Ulv Philipper. Nicht einmal, Nein gleich dreimal. Seine Philosophie sprach mich an. Fördern statt fordern. Den Hund als gleichwertiges Mitglied der Gemeinschaft ansehen. Unerfahren ja, hat er doch viel weniger Lebensjahre auf dem Buckel als wir. Aber nicht minder intelligent, kein dummes Kleinkind, das man konsequent bevormundet.

Und so begann Ende 2019 unsere Schulung bei Ulv Philipper und seinem Stop-Konzept. Am Anfang hatte ich noch den Eindruck, dass auch die lebenswichtige Grundsicherung eigentlich nur klassisch konditioniert wird. Aber mehr und mehr sah ich, wie falsch ich lag. Jeder kleine Schritt hin Richtung Grundsicherung lässt meinem Hund die Wahlfreiheit.

Bekannt ist vielleicht der lange Pfiff im Stop-Konzept, bei dem sich der Hund sofort setzt. Das ist am Ende keine bewusste Handlung mehr, sondern eine unterbewusste. Und darauf bin ich angewiesen, denn unterbewusste Handlungen erfolgen blitzschnell ohne, dass sie nach ihrem Sinn hinterfragt werden. Nur mit so einer schnellen Reaktion kann ich meinen Hund im Ernstfall sichern.

Wir alle nutzen solche unterbewussten Handlungen. Anders würden wir bei einer Gefahrensituation im Auto nicht mit dem Fuß auf der Bremse stehen, bevor das Gehirn die Situation im Großen und Ganzen durchanalysiert und alle Möglichkeiten abgewogen hat. Wir haben also unsere Bremsreaktion beim Autofahren ins Unterbewusstsein verschoben und automatisiert. Und das ist bei meinem Hund nicht anders.

Man könnte sagen, dass der feine Unterschied zwischen „Krieg und Frieden“ ausschließlich darin besteht, ob wir jemandem unsere Wahl eigenständig übertragen oder ob er sie uns nimmt. Im ersten Fall sprechen wir von Führung, im zweiten von Diktatur – Ulv Philipper

Nur wenn auf mein Signal hin keine Prüfung durch meinen Hund mehr erfolgt, ob sich da jetzt die Reaktion lohnt (Hat sie überhaupt Kekse dabei?), kann eine unmittelbare Reaktion erfolgen. Was man allerdings nie vergessen darf, dass auf dem Weg zu einer unterbewussten Reaktion das Lebewesen (Mensch, Hund, völlig egal) selbst entscheidet, welche Reaktionen es automatisiert. Das ist ein willentlicher Prozess. Nur, was durch das Bewusstsein als effiziente Handlung freigegeben wird, wird letztendlich automatisiert. Ohne diese willentliche Entscheidung kann ich trainieren und trainieren und bleibe am Ende nur bei einer Aufforderung in der Hoffnung auf Reaktion des anderen. Und ich werde die Sicherheit meiner Hunde sicher nicht dem Prinzip Hoffnung überlassen.

Ein große Hilfe, diesen Unterschied zur klassischen Konditionierung zu verstehen, war mir Kim, bei Instagram zu finden unter www.instagram.com/think.im/

Mehr dazu in ihrem Post: Kennste:„Die kann schon, will nur nicht“? 

Fördern statt fordern

Ich fördere Verhalten, das uns als Gruppe voranbringt. Ich fördere die Kommunikation meines Hundes, ich fördere die Kooperation und ich fördere die Kreativität. Und das zeigt sich in jedem Moment unseres Lebens.

Selbst der früher immer stille Kane ist inzwischen sehr kommunikativ geworden. Enki noch mehr als je zuvor. Sie zeigen mir, was sie mögen und was nicht, woran sie Freude haben. Sie leben ihre Kreativität aus, was auch schon zu einem Hund auf der Arbeitsplatte und lautstarkem Lachen bei uns führte. Und sie zeigen mir jeden Tag mehr, wie gerne sie mit mir kooperieren.

Ich nehme sie an die Hand, spreche ihnen jedoch das Recht zu, nicht ewig Schüler zu bleiben. Die jungen Padawane haben es selbst in der Pfote zum Meister aufzusteigen. Und ich sehe den Stolz, wenn sie in bestimmten Bereichen keine Lernenden mehr sind, sondern autonom entscheiden können. Das fehlt mir bei allen mir bisher bekannten Hundeerziehungsmethoden. Egal, wohin ich sehe, bleibt es doch immer bei einer lebenslangen Bevormundung, weil die Hunde nicht zu handlungsfähigen Mitgliedern einer Gemeinschaft sozialisiert werden. Meine Hunde sind jedoch keine Kinder. Sie sind erwachsene Lebewesen, die durchaus in der Lage sind die Konsequenzen ihres Handelns zu erkennen.

Übrigens ein sehr beleibter Fehler, Stärke mit Durchsetzung zu verwechseln und eigene Großzügigkeit als Freiheit des anderen zu definieren. Böser Fehler. – Ulv Philipper

Daher kann ich nicht behaupten, mit meinem Hund auf Augenhöhe zu sein (wie ich es selbst in den vergangenen Jahren häufig getan habe) und gleichzeitig Gehorsam von ihnen erwarten. Denn das ist nie und nimmer eine gleichberechtigte Gemeinschaft.

Und auch hier half mir Kim klar zu sehen. Ich lege euch den Originalpost zum Thema „Es gibt ja nicht nur den einen Weg in der Hundeerziehung“ sehr an Herz.

Es ist mir nicht leicht gefallen, meine Hunde als gleichwertig zu betrachten und es nicht nur logisch rational zu durchdringen, sondern auch tief in meinem Inneren zu fühlen, dass sie handlungsfähige Wesen sind, die entscheiden, planen und Konsequenzen erkennen können. Und wenn ihr euch fragt, was wir denn nun konkret im vergangenen Jahr „trainiert“ haben, dann ist es zu 95 Prozent mein Gehirn, das langsam und zaghaft neue Denkwege betrat und Zeit brauchte, um sich dort häuslich einzurichten. Meine Hunde haben eher mit „Siehste, war doch gar nicht so schwer“ reagiert und mir mit langem Atem und viel Geduld zur Seite gestanden.

Die restlichen 5 Prozent haben wir an Vorlagen, oder auch Simulationen, für Alltagsszenarien gearbeitet. Daher findet man diese Vorlagen auch nicht in einem schönen praktischen „In 5 Schritten zum Begleithund“ Buch, denn sie machen nur 5 Prozent des ganzen aus. Wenn ich also mal wieder höre, dass jemand sagt „im Grund machen wir ja doch das Gleiche“ denke ich mir nur „Im Grunde eben nicht!“. Danke Kim, für diesen Aussrurch, der sich tief in mein Gehirn gebrannt hat.

Bis bald!

Hundeblog The Pell-Mell Pack

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Bloggerin mit einem Faible für Fotographie.