Garten Juli 2017 (84 von 87)

Paula hat das Vestibularsyndrom – eine Art Schlaganfall bei Hunden.

War es das jetzt für Paula?

Montag hatte Paula einen Anfall. Seitdem kann sie ihren Kopf nur noch schief halten und hat Zuckungen der Augenmuskulatur. Den Kopf wiegt sie immer hin und her, wie man es manchmal bei alten Menschen sieht. Das rechte Hinterbein, in dem sie auch Arthrose hat, kann sie nicht mehr richtig ansteuern. Sie kommt eher in Kreisen oder Schlangenformen vorwärts. Alle paar Schritte verliert sie das Gleichgewicht und fällt dann auch mal um. Häufig läuft sie gegen Möbelstücke oder Türrahmen.

Ich dachte, dass es das jetzt sei und habe unsere Tierärztin angerufen. Am Dienstag wollte sie kommen und wir stellten uns beide darauf ein, dass wir Paula einschläfern würden. Als sie Paula dann jedoch sah, sagte sie: „Heute sicher nicht.“ Sie hatte den Eindruck, dass Paula klare entspannte Augen hatte. In ihrem Gesicht war Freude zu erkennen. Der Schwanz wedelte wie verrückt. Sie mag unsere Tierärztin sehr gern. 🙂

Vestibulärsydrom beim Hund – eine Art Schlaganfall, bei dem Besserung möglich ist | alter Hund | Seniorhund | Gesundheit | thepellmellpack.de

Altwerden ist keine Krankheit

Unsere Tierärztin meinte, sie habe nicht den Eindruck, dass Paula sich in Ihrer Würde oder ihrem Stolz verletzt fühle und es wirke auch nicht so, als ob sie Schmerzen hätte. Daher würde sie sich weigern, Paula einzuschläfern, nur, weil sie einfach alt sei und damit Probleme des Alters kämen.
Mich hat das erstmal etwas betroffen gemacht, da ich ebenfalls der Überzeugung bin, dass ein Hund nicht einfach eingeschläfert werden sollte, weil er alt und anstrengend wird. Letzten Monat schrieb Inka vom Blog An der Leine den wundervollen Artikel  Weil auch keiner Oma erschießt! . Ich stimme ihr voll und ganz zu und dachte, es genauso zu handhaben. Sicher scheue ich nicht die Probleme, die mit einem alten Hund nun mal kommen.

Bei Paula jedoch habe ich den Fehler gemacht und von mir auf sie übertragen. Ich als Mensch rationalisiere alles, jammere dem Vergangenen hinterher und sorge mich um das, was morgen kommt. Ich würde so nicht leben wollen. Nur noch im Teilbegriff meiner Kräfte, nicht mehr so können, wie früher und so sehr auf Hilfe angewiesen sein.

Die Welt wieder geraderücken

Aber Paula ist ein Hund. Und noch dazu ein grundfröhlicher, der Einschränkungen lebenslang kennt und es von jeher nicht so mit dem Stolz hatte. Hilfe nimmt sie gerne an und quittiert sie mit wildem Schwanzwedeln. Ich habe sie seit Dienstag genau beobachtet und sehe plötzlich das Gleiche, was meine Tierärztin sah. Sie ist fröhlich. Gemütlich mäandert sie durch den Garten. Wenn sie umkippt, steht sie wieder auf, wedelt mit dem Schwanz und geht weiter. Insgesamt hat sie eher eine welpenhafte Ausstrahlung und wirkt mit ihrem schiefen Kopf verdammt niedlich.

Hohes Alter
ist eine zweite Kindheit –
ohne Lebertran
Mark Twain

Vestibulärsydrom beim Hund – eine Art Schlaganfall, bei dem Besserung möglich ist | alter Hund | Seniorhund | Gesundheit | thepellmellpack.de

Probleme hat sie mit dem Fressen, da sie mit dem schiefen Kopf nicht mehr so ganz in den Napf kommt und die Zungenkoordination dadurch schwierig wird. Aber das macht nichts. Ich halte ihr den Napf jetzt in der selben schiefen Ebene, in der ihr Kopf funktioniert. Und gemeinsam rücken wir die Welt wieder gerade.

Sieh mich und nimm mich wahr

Paula und ich hatten in den vergangenen zwölf Jahren gute und schlechte Zeiten. Wer uns kennt weiß, dass quantitativ die schlechten Zeiten überwogen. Dauernd habe ich mich über diesen Hund bei Freunden und Familie ausgeweint. Habe geflucht und geschrien.
Aber rückblickend sehe ich jetzt, dass die guten Zeiten qualitativ die schlechten um ein Vielfaches überwogen. Ich sehe, was ich von Freunden und meinem Mann vorher nicht hören wollte. Wie sehr dieser renitente Stinkstiefel mich liebt. Und ich werde diese letzten Tage, Wochen oder gar Jahre mit meiner kleinen schwarzen Kämpferin genießen.
Bei allem, was wir hinter uns haben, hat sie es verdient liebevoll wahrgenommen zu werden. Der Ärger ist schon lange verflogen, an die Probleme haben wir uns beide gewöhnt und viele Sorgen sind durch Paulas Alterssenilität verschwunden. Inzwischen ist nur noch ihre Essenz geblieben. Und die ist zauberhaft.

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Paula wird von allein gehen, wenn sie das möchte und so weit ist. Es sei denn meine Tierärztin, mein Mann und ich sehen zusammen in ihren Augen, dass sie nicht mehr kann und sich nur noch quält.

„Am Ende wird alles gut. Wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.“
– Oscar Wilde

Ergänzung: Falls es Euch interessiert: Paula hat vermutlich ein  Vestibulärsyndrom , sodass Hoffnung besteht, dass ihr Zustand sich wieder bessert.

Was kann man tun?

Wir haben eine Therapie mit Cortison und Medikamenten zur Förderung der Durchblutung probiert, aber leider ohne jeden Effekt.
Am besten haben uns Übungen geholfen, die Paula wieder mehr Sicherheit gegeben haben. Ich habe sie massiert und bin mit ihr zwischen den Beinen immer langsam durch den Garten gelaufen. Erst nur ein paar Schritte, später immer weiter.

Als das besser ging, habe ich angefangen kleine Cavaletti-Übungen mit ihr zu machen.

Sehr ausführlich hat Chris Übungen beschrieben, die ihr und ihrer Hündin geholfen haben. Daran haben wir uns orientiert: Jenny – auf dem Weg der Besserung.

Außerdem habe ich auf Kleinigkeiten geachtet, wie zum beispiel das Lich auch nachts anzulassen, damit sie nicht ganz so orientierungslos ist. Und am Anfang habe ich sie nur aus der Hand gefüttert, da der Futternapf in grader Ebene Übelkeit bei ihr ausgelöst hat.

 

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22 Comments

    • Liebe Sandra,
      da WordPress unsere Kommentarkommunikation bis auf diesen ersten „verschluckt“ hat…
      Vielen Dank! Danke für deine Worte hier und deine geteilten Erfahrungen mit Paco, die hier nun leider nicht mehr zu lesen sind. Aber vielleicht bekomme ich die Wiederherstellung noch hin. 🙂
      Herzliche Grüße
      Stephie

  • Ihr kennt euren Hund am besten. Ich bin mir sicher, dass euer Hund euch zeigen wird, wann sie nicht mehr möchte. Und bis dahin ist vielleicht noch viel Zeit. Ein Hund sollte so lange leben dürfen, wie er möchte <3 Ihr macht das genau richtig so

  • Hallo! Mit kullern gerade die Tränen 😢 ein toller Beitrag! Und ich finde es total super, dass ihr weiter macht! Meine Hündin ist auch eine Oma. Und auch das Alter hat seine guten Seiten, solange es Hund für geht dabei :‘)

    Liebe grüße Diana und Jessi

  • Sehr schön geschrieben. Ich tue mich immer unglaublich schwer damit, dass Tiere überhaupt „eingeschläfert“ werden und ihnen somit die Entscheidung darüber, ob sie leben möchten, oder nicht, genommen wird, denn können wir das wirklich beurteilen? Ich weiss nicht, ob ich es könnte. Bisher habe ich in meinem Leben nur ein Tier einschläfern lassen, ein Kaninchen, das 10 Jahre alt wurde. Schon in den letzten 1-2 Jahren seines Lebens wurde mir von allen Seiten gesagt, ich soll ihn einschläfern lassen. Er war blind und lahm, aß nur noch wenig und musste handgefüttert werden. Aber er war nicht krank, er war einfach nur „alt“ und Alter bringt doch nun Mal solche Beschwerden mit sich. Wir wollen alle, dass unsere Tiere alt werden, aber viele wollen sie dann nicht alt sein lassen. 🙁 Erst als mein Kaninchen aufhörte zu trinken und ich wusste, er würde innerhalb der nächsten 1-2 Tage elend verdursten, habe ich ihn einschläfern lassen und es verfolgt mich bis heute.

    Ich wünsche dir und Paula noch viele glückliche gemeinsame Momente!

    • Danke für deinen schönen Kommentar.
      Es stimmt, wir schwingen uns in dem Moment zu Gott auf und treffen die Entscheidung für ein anderes Lebewesen. Und wie man bei Paula gesehen hat, hätte ich das spontan falsch eingeschätzt. Daher bin ich meiner Tierärztin so unendlich dankbar, dass sie genau hingesehen hat.
      Ich musste bisher zwei Tiere gehen lassen. Unsere erste Hündin Ronja hatte Krebs mit Knochenmetastasen. An dem Tag, als wir sie einschläfern liessen, war ihr anzumerken, dass sie nicht mehr konnte und am Ende war. Wahrscheinlich wäre sie auch zeitnah von allein gegangen, aber vielleicht auch nicht. Wir wissen ja von krebskranken Menschen, wie undendlich lang und qualvoll sich der Leidensweg hinziehen kann.
      Mein Jamie ist im März von allein gegangen. Er konnte nicht mehr kämpfen. Aber komischerweise verfolgt mich dieser Tod mehr als Ronjas. Vielleicht, weil er nicht friedlich eingeschlafen ist, sondern auch das Ende ein Kampf war.
      Ich hoffe, dass Paula noch lange hat und dann irgendwann einfach einschläft und nicht mehr aufwacht.
      Herzliche Grüße
      Stephie

  • Hallo, das ist ein schöner Artikel. Es ist nicht immer einfach mit einem alten Hund. Unsere Kiara ist nun stolze 15. Sie ist etwas inkontinent, hört schlecht, riecht nix mehr und sieht schlecht. Wir müssen uns alle daran gewöhnen und anders als früher mit ihr umgehen. Ich sehe das wie du…. so lange du den Eindruck hast es geht ihr noch gut ist das prima. So eine Entscheidung zu treffen ist hart ich musste das bei meinem ersten Hund auch,da war ich 17 und ich habe immer noch das Gefühl, das es damals zu früh gewesen war… Wünsche euch noch eine schöne Zeit mit der Oma

    • Liebe Nadine,
      da hat deine Kiara ja ein stolzes Alter. Ich hoffe, dass Paula das auch erreicht.
      Und mit 17 schon so eine Erwachsenenentscheidung treffen müssen – da ziehe ich den Hut vor Dir!
      Ich wünsche Dir auch noch viel Freude und Zeit mit Kiara.
      Herzliche Grüße
      Stephie

  • Ein Artikel, der berührt und zum Nachdenken anregt. Man schiebt das ja immer gerne alles von sich weg, solange alles gut ist, doch der eine bestimmte Tag rückt unwiderruflich näher. Die Älteste meiner drei Hundemädels ist jetzt neun und ich denke auch oft, hoffentlich bleibt uns noch lange Zeit. Sie ist ein wenig merkwürdig ab und an aber körperlich topfit. Einer meiner Hunde ging einst über Nacht, er lag am Morgen in seinem Körbchen, war vermutlich einem Herzschlag erlegen. Wir hatten keine Zeit, uns zu verabschieden, wir wussten am Abend davor nicht, was auf uns zukommt. Das war eine schlimme Erfahrung. Ich wünsche Dir und Paula noch viele glückliche Stunden! LG Martina

  • Meine Hündin hatte den gleichen Anfall. Mit Tabletten zur Durchblutungsförderung aus der Humanmedizin haben wir das aber ganz gut in den Griff bekommen. Nach dem zweiten Anfall ging es dann allerdings leider nicht mehr!

  • Finde deine Entscheidung toll ! Es gibt nichts Schlimmeres als einen Hund gehen zu lassen und sich hinterher zu fragen..war es zu früh !
    Wünsche euch zusammen noch eine glückliche Zeit ! Geniesst sie ! 🙂

    • Vielen Dank! Inzwischen hatte sie noch zwei Anfälle und sich immer wieder berappelt. Gestern war sie beim Intelligenzspiel sogar schneller als die beiden „jungen“. 😂 Uuuund, am 25.12. hat sie Geburtstag. Wir freuen uns so, dass sie den wohl erleben wird. Der Festbraten ist schon geplant.

  • Ein sehr schöner Beitrag 🙂 Habe selber eine alte Hündin und kann Deine
    Erfahrungen zu diesem Thema gut nachvollziehen. Ich hoffe Paula geht es gut und Ihr genießt die Zeit die Ihr noch miteinander habt!

  • Hallo Sandra,dein Blog gefällt mir. Auch ich habe eineSeniorenhündin,die zwar kein Vestibularsyndrom hat(te),dafür aber dement ist. Ein solcher Hund fordert den ganzen Menschen und gibt doch soviel zurück. Zuerst bekam sie Medikamente,doch es war besser, sie abzusetzen und außer einemSchmerzmittel gegen ihre schmerzhafte Arthrosen sind wir jetzt pflanzenheilkundlich unterwegs. Die nächsten Tage werde ich auch nach und nach einige Übungen bei mir einstellen, die man auch mit alten Hunden machen kann und wenig Aufwand erfordern. An Austausch gerade in diesem Bereich bin ich immer interessiert.
    Ich lese gerne bei dir wieder rein- Viele Grüße Doris

    • Hallo Doris,

      vielen Dank für Deinen schönen Kommentar. Unsere Paula mussten wir dann leider doch mit inzwischen 14 Jahren gehen lassen. Aber bis kurz vor Schluss hat sie noch voll am Leben teilgenommen.
      Und Übungen sind klasse. Ich bin ja ein absoluter Fan von Doggy Fitness, das hat auch Paula unglaublich Freude bereitet und die Beweglichkeit gefördert.

      Herzliche Grüße
      Stephie

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