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Leben mit Hund

Von Pferden und Menschen – Pferdemarkt Zuidlaren

Ich bin kein Pferdemensch. Als Teenager hatte ich Reitunterricht und eine Weile auch ein Pflegepferd, aber mehr, weil das alle Mädels hatten. Nicht, weil ich Pferde so sehr liebte. Offen gestanden haben mir Pferde immer ein wenig Angst gemacht. Mein Traum vom eigenen Pferd beinhaltete auch schon immer meine eigene riesige Farm in Montana und nicht die Realität eines Reitstalles im kleinen Deutschland, wo ich nach der Schule oder heute Arbeit hin hetzen muss.

Meine Lieblingstierärztin Corinna Mick ist ein Pferdemensch[1] und nimmt immer wieder Schlachtpferde auf, päppelt sie und verkauft sie dann in gute Hände weiter. Meist bekommt sie die Pferde aus Österreich, dieses Jahr jedoch wollte sie nach Holland, genauer gesagt Zuidlaren, und fragte mich, ob ich mitkomme. Da ich Herausforderungen mag, sagte ich spontan zu. Das ich 20 Jahre keinen Kontakt mehr zu Pferden (und eigentlich auch Angst vor ihnen) hatte, tauchte erst kurz vor dem Ereignis in meinem Kopf auf. Glücklicherweise konnte ich vor zwei Wochen noch einen Tag bei Corinna verbringen und mich diesen Riesentieren wieder annähern. Meine Angst schwand im Laufe des Tages und ich fing an, die bei ihr vorhandenen Tiere zu begreifen. Wahrscheinlich das erste Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, Zugang zu diesen tollen Tieren zu bekommen. Ein eigenes Pferd möchte ich allerdings immer noch nicht, es sei denn, es kommt mit besagter Farm als Aussteuer.

Diesen Montag war es nun so weit, wir machten uns zusammen mit vier anderen Frauen, drei Autos und zwei Pferdehängern als Treck auf Richtung Holland.

Zuidlaren

Zuidlaren ist ein kleiner beschaulicher Ort mit etwas über 10.000 Einwohnern. Dort herrscht einmal im Jahr Ausnahmezustand, wenn der größte und älteste Pferdemarkt Europas stattfindet. Das Ganze ist ein riesiges Volksfest mit Kirmes und eben dem Pferdemarkt. Bis letztes Jahr wurden die Pferde noch mitten zwischen den lauten Fahrgeschäften angeboten, was aus der Tradition heraus Sinn machte. Ich stelle mir einen mittelalterlichen Markt vor, wo das Vieh neben Leckereien und ein paar Unterhaltungen angeboten wurde. Aber bei den Dimensionen, die ein Volksfest in unserer Zeit annimmt, waren der Trubel und der Lärm die Hölle für die Pferde. Auf YouTube findet man einige anschauliche Videos der letzten Jahre, die einen all zu plastischen Eindruck vermitteln. Dieses Jahr gab es einige Änderungen. Unter anderem haben sie ein paar Schritte vom Jahrmarkt entfernt ein eigenes Areal für die Pferde abgesperrt.

Wir fuhren also Montagabend los und kamen spät in Zuidlaren an. Nach einem kurzen Orientierungsgang über das Gelände haben wir versucht, ein paar Stunden zu schlafen, denn ab vier Uhr morgens sollte es losgehen.

Der Ort Zuidlaren

[Entschuldige bitte die schlechte Qualität der Fotos. Ich wurde bei den Handyfotos schon ein paar Mal schief angesehen. Hätte ich eine Kamera gezückt, hätten sie mich (zumindest in meiner Phantasie) sicherlich geteert und gefedert.]

Der Pferdemarkt

Als wir dann zu früher Stunde auf dem Markt ankamen, war ich überwältigt. Pferde, Kopf an Kopf, Hintern an Hintern an Stricke angebunden. Auf einem Areal in der Größe eines Fußballstadions waren alle denkbaren Rassen und Größen zu finden. Der Stress der Tiere war förmlich zu spüren. Verzweifeltes Wiehern von frisch abgesetzten Fohlen, flehendes Wiehern von ihren Müttern und wütendes Wiehern von denen, die nicht resignierten, war die dauernde Geräuschkulisse und übertönte das Gemurmel der Menschenmengen. Uns wurde gesagt, dass der Pferdemarkt jedes Jahr kleiner würde und es vor ein paar Jahren noch fünfmal so viele Pferde waren. Für mich ist das kaum vorstellbar. Die Dimension dieses Jahr war schon so riesig, dass wir erstmal ein paar Minuten hinter dem Eingang stehenblieben, weil wir überfordert waren und nicht wussten, wie man diese Tiere alle fassen sollte. Die Sortierung auf dem Markt erfolgte nach Händlern, nicht nach Rassen. Daher konnten wir die für uns nicht interessanten Rassen nicht einfach ausschließen, sondern ahnten, dass wir wirklich alle Tiere sehen müssen, um die besonderen Perlen zu finden, die zu uns sprechen.

Wir versuchten, uns ein System zu überlegen und langsam durch die Reihen zu gehen. Immer an den Hinterteilen so schon nervöser Pferde längs. Ich wundere mich, dass ich kein einziges Mal einen Unfall beobachten konnte, auch wenn es diese durchaus schon gegeben haben soll. Zwischen den Pferden die Händler und Züchter, erkennbar an einem Stock in der Hand. Stolz auf ihre Tiere und ihre Tradition. Es waren nicht nur alte Männer, wie ich klischeehaft vermutet hatte, sondern auch junge Menschen, Männer und Frauen. Viele wirkten sehr sympathisch, intelligent. Ich hatte gehofft, dass ich eine gesunde Wut auf die Verkäufer haben könnte, die da gedankenlos ihre Tiere so einem Stress aussetzen, aber diese Menschen brachten mich zum Nachdenken. Was wusste ich von ihrer Tradition und von ihrem Geschäft? Nichts.

Die Besucher auf dem Pferdemarkt waren dafür recht gut in Kategorien zu unterteilen. Da waren die Holländer, die ihre Tradition dieses Pferdemarktes liebten und hübsch zurechtgemacht über den Markt spazierten. Dann waren da die Händler, kaufende als auch verkaufende. Und dann die Einzelpersonen und Tierschützer, die Pferde kaufen, respektive retten wollten. Vielen von Ihnen sah man an, dass sie die Nacht ebenfalls im Auto verbracht hatten. Für Sie war es kein traditionelles Fest sondern entweder ein Ort des Geschäfts oder ein Ort des Schreckens.

Einige gingen über den Markt und kommentierten immer wieder die armen Pferde, andere stellten laut ihre scheinbar unermessliche Ahnung in den Vordergrund und wussten zu jedem Pferd etwas zu sagen. Und bitte so, dass auch jeder Nachbar es mitbekommt. Sie fragten Händler nach Preisen und wunderten sich, dass diese Händler um den Wert ihrer Tiere wussten und hier nicht auf Teufel komm raus ihre Tiere verramschten. Ein paar Mal habe ich beobachtet, wie sich hinter dem Rücken solcher Menschen die Händler über sie lustig machten.

Und dann waren da die Ausnahmen, wie Corinna, die ruhig und bedacht über den Markt gingen, sich die Pferde genau anschauten und überlegten. An manchen Stellen versuchten Ruhe in Pferde zu bringen, an anderen sichtbar mit sich kämpften, ob Mitleid oder Vernunft siegt.

Eindrücke vom Pferdemarkt

Verhandlungsgeschick sollte Voraussetzung sein

Corinna hatte für uns einen Kontakt organisiert. Eine junge Frau, ebenfalls Tierschützerin, die schon seit Jahren nach Zuidlaren kommt und für andere Tierschützer die Verhandlungen übernimmt. Sie kennt die Händler und die Gepflogenheiten des Marktes. Als einzige Deutsche, die mir begegnete, war sie hübsch zurecht gemacht und geschminkt. Das mag ihre Natur sein, aber ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, dass sie dem Beispiel der Holländer gefolgt ist und so mit einer kleinen Geste zeigt, dass sie die Regeln versteht und es für sie auch eine ehrenwerte Tradition zu sein scheint. Ich denke, diesen Markt durch hübsche Aufmachung zu ehren, ist eine ihrer kleinen Waffen im Verhandlungsarsenal. Eine ihrer konkreten Preisverhandlungen konnte ich belauschen und verdammt, ich möchte mit ihr nur am Verhandlungstisch sitzen, wenn sie auf meiner Seite kämpft. Mit Charme und Unerbittlichkeit kämpfte sie sich an den Zielpreis ran, den wir ihr genannt hatten. Aber, und das ist wohl auch ein Geheimnis ihres Erfolgs, als der Händler nicht bis zu unserem Preis runtergehen wollte, hat sie es auch gut sein lassen und uns gesagt, dass das für den Händler zu wenig ist. Wir haben dann noch eine Runde gedreht und in einer zweiten Verhandlungsrunde das Pferd zu seinem letzten Preis gekauft. Eine schöne ruhige fünf Monate alte Belgier-Stute. Vorher hatte sie uns schon einen anderthalbjährigen Dänen- oder auch Jütländer-Hengst zu genau unserem Preis erhandeln können. Zwei aus Tausenden, die Entscheidung fiel nicht leicht.

Felix wird gekauft

Auf dem Pferdemarkt waren sehr viele schöne gesunde Tiere, die sicherlich nicht am Ende des Tages als Schlachtvieh endeten, sondern eher wieder mit nach Hause fuhren. Aber auch alte oder kranke Tiere, denen anzusehen war, dass ihr Schicksal besiegelt ist.
Dennoch war der Markt kein Ort für Schnäppchen, für große Verhandlungsspielräume. Die Händler wussten, was sie wollten.

Unser Fazit

Werden wir wieder hinfahren? Ich kann klar nein sagen. Genau so wenig, wie ich mich jemals auf einen polnischen Hundemarkt begeben würde, werde ich wieder auf einen Pferdemarkt gehen. Ich achte Traditionen und denke, dass viele Traditionen unsere kulturelle Vielfalt erhalten und emotionale Stabilität bieten. Aber diese Art der Tradition gehört für mich abgeschafft. Keinem Lebewesen sollte der Mensch so etwas antun und ich denke, dass egal aus welcher Motivation wir dahin fahren, wir es nur weiter fördern. Erst wenn keiner mehr hingeht, wird so eine Tradition irgendwann enden.

Und Corinna? Für sie macht diese Form des Pferdemarktes auch keinen Sinn. Im Sinne des konkreten Tierschutzes kann sie auf einem echten „Schlachtmarkt“ mehr bewirken. Da ist jede Pferdeseele, die sie mitnehmen kann, auch eine gerettete Seele.

Und natürlich sind Pferde mit uns nach Hause gekommen. Eine der Frauen hat die 2 Kleenen auf den Fotos mitgenommen, Corinna die beiden Kaltblüter. Nächstes Wochenende bekommt sie dann noch zwei tragende Noriker-Stuten zusätzlich zu den bereits vorhanden Pferden. Wenn du also einen Faible für Kaltblüter oder Tinker hast und gerade auf der Suche nach einem Gefährten bist, melde Dich gerne bei mir oder direkt bei ihr. Denn wir waren ja nicht zu unserem Privatvergnügen in Holland. 🙂

Tierarztpraxis Corinna Mick

Oder direkt per PN Corinna Mick

♥Unsere Happy-End-Pferde vor der Abreise in den hohen Norden♥

[1] Genau genommen ist sie ein Tiermensch, egal welcher Spezies das Tier angehört. Mit Ausnahme der Spezies Mensch. Hier gibt es viele Exemplare, mit denen sie gar nicht kann. Wahrscheinlich verstehen wir uns deshalb so gut. Was ich mich häufig nur zu denken traue, spricht sie aus. 🙂

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Bloggerin mit einem Faible für Fotographie.

7 Comments

  • Donna & die blinden Simulanten
    20. Oktober 2016 at 7:53

    Ich habe von frühester Kindheit an mit Pferden zu tun , hatte viele Jahre eigene Pferde und nun wieder eine Reitbeteiligung .Ja ich bin eindeutig ein Pferdemensch oder beSer gesagt Tiermensch , aber auf einem Pferdemarkt war ich noch nie , ich könnte es auch nicht .Schon beim lesen deines Berichtest standen mir fast die Tränen in den Augen . Schön das wenigstens einige das goldene Los gezogen haben . Ja und auf normale Pferdeställe mit Boxen die für mich Pferdeknast heissen , steh ich auch nicht . Es muss schon ein Offenstall mit möglichst viel Freiraum für die Pferde sein . Ich mag Kaltblüter und auch Tinker . Wir haben letztes Jahr auf Texel einen dreistündigen Ausritt auf belgischen Kaltblütern am Strand gemacht .Das war ein einmalig tolles Erlebnis . l.g.Anja

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    • Stephie von The Pell-Mell Pack
      20. Oktober 2016 at 10:09

      Hallo Anja,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Leider nimmt wordpress im Kommentarfeld dein Foto nicht und ich kann das Programm auch nicht überreden. 🙂 Ich denke, dass ist ein Foto von deinem Pferd?
      Pferdeknast finde ich eine schöne Formulierung. 🙂 Du würdest Dich dahingehend wohl gut mit Corinna verstehen. Felix und Mona stehen jetzt auch erstmal bei ihr auf einer Weide mit Offenstall und toben miteinander, als wenn sie eine Familie sind.
      Herzliche Grüße
      Stephie

      Reply
      • Donna & die blinden Simulanten
        20. Oktober 2016 at 10:36

        Das freut mich sehr für Felix und Mona l.g.Anja

        Reply
  • Donna & die blinden Simulanten
    20. Oktober 2016 at 7:57

    img-20151015-wa0058-011

    Reply
  • Steffi
    20. Oktober 2016 at 9:41

    Mir stehen gerade die Tränen in den Augen!!!
    Ich kann es immer noch nicht begreifen dass für manche Menschen Tiere nur Ware sind!
    Sei es auf diesem Pferdemarkt, den Hundemärkten oder anderen Tiermärkten mit Exoten uä…
    Ich hätte, glaube ich, keinen Meter mehr gehen können wenn ich dieses Bild, so wie Du es beschreibst, vor Augen gehabt hätte…
    Umso schöner finde ich es dass es Menschen gibt, die mit der Absicht dort hin fahren ein paar arme Seelen zu retten und ihnen die Möglichkeit zu geben noch ein besseres schöneres Leben (hoffentlich) kennenzulernen!

    So, aber jetzt muss ich erstmal auf andere Gedanken kommen…. Ich habe immer noch einen Kloß im Hals 🙁

    Liebe Grüße von
    Steffi mit Ren & Stimpy

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    • Stephie von The Pell-Mell Pack
      20. Oktober 2016 at 10:05

      Hallo Steffi,

      ja, schön war es nicht.
      Aber ich habe vorher die YouTube Videos angesehen, bin also nicht unvorbereitet gefahren.
      Mein nächster Beitrag wird was Fröhliches mit Lächelgarantie. Versprochen. 🙂
      Herzliche Grüße
      Stephie

      Reply
  • der einsiedler
    20. Oktober 2016 at 11:33

    jetzt bin ich aber echt froh, dass ich für ein lächeln immer 1 gummiring + 2 büroklammern zur hand habe.

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