Gesundes Futter | Training & Erziehung

Natural Rearing von Juliette de Baïracli Levy

August 2, 2016

Angst vor Barf

Wir sind in Bezug auf Essen ein sehr bewusster Haushalt. Wir kochen jeden Tag, backen unser Brot selbst und bauen Gemüse im Garten an. Wir bemühen uns, so viel biologisch angebaute und regionale Lebensmittel zu kaufen, wie unser Budget zulässt. Nie im Leben würde ich auf die Idee kommen, unsere Ernährung in die Hände von Maggi, Nestlé und ähnlichen Firmen zu legen.

Aber bei meinen Hunden war das anders. Die Verantwortung für ihr Wohlergehen und ihre Gesundheit habe ich in die Hände der Futtermittelindustrie abgegeben. Nicht, weil ich faul war, sondern weil ich Angst hatte, der Verantwortung nicht gerecht zu werden. Meine Tiere sind von mir abhängig und hilflos. Sie fressen, was ich Ihnen vorsetze. Ja, vielleicht rümpfen sie mal die Nase, aber am Ende des Tages haben sie keine Möglichkeit zu beeinflussen, was sie essen. Und ich wollte sichergehen, dass sie jeden Tag alles im Napf haben, was sie benötigen. Das habe ich mir selbst nicht zugetraut.

Ich habe mich schon früher häufig mit dem Thema Barf auseinandergesetzt und war überwältigt von der ganzen Rechnerei, dem schier unbewältigbaren Wissen, das ich um Nährstoffe und Verdauung zu benötigen schien. Ich habe weder die Zeit, noch den Umgang mit Fleisch oder die Organisation gescheut. Aber die ganzen Angaben, Berechnungen und Werte haben mich vor Angst erstarren lassen und ich befürchtete meine Tiere umzubringen, weil ich nicht richtig berechne. Beispielfutterpläne haben mir nicht geholfen, weil mir nicht klar war, wie ich das in die Praxis umsetzen soll und sofort wieder Angst hatte, es falsch zu machen.

Dann erkrankte mein Aussie Jamie. So schwer, dass er es nach langer Zeit des Kämpfens nicht geschafft hat. Keiner kann mir sagen, warum er an Nierenversagen erkrankte. Aber sicher kann ich sagen, dass das lebenslange Trockenfutter, mit dem ich ihn ernährt habe, nicht nur ein Nagel in seinem Sarg war.

In einer Zeit, in der ich händeringend nach Hilfe für Jamie suchte, fiel mir „The Complete Herbal Handbook for the Dog and Cat” in die Hände. Juliette de Baïracli Levy empfiehlt Kräuter für verschiedenste Krankheiten. Und sie macht deutlich, dass ihr Konzept des Natural Rearing die zwingende Grundlage jeder möglichen Heilung sein muss. Kräuter können nicht helfen, wenn der Hund nicht die optimale Grundlage zur Genesung hat.

Daher ist ein Großteil des Buches auch dem Konzept Natural Rearing und im Schwerpunkt der Fütterung gewidmet. Das erste Mal habe ich über Rohfütterung gelesen und mit jedem Wort, das ich aufsog, stieg mein Gefühl, dass ich das auch könne. Es erschien einfach, logisch und machte mir Mut, endlich die Ernährung umzustellen.

Juliette de Baïracli Levy – Kräuterkundige und Pionierin

Juliette de Baïracli Levy wurde am 11.11.1912 geboren und wuchs in England auf. Ihre Mutter stammte aus Ägypten und ihr Vater aus der Türkei. Die Familie war wohlhabend und ermöglichte den Kindern, die besten Schulen des Landes zu besuchen. Juliette begann ein Studium der Tiermedizin, brach dieses aber ab, da sie erschüttert über die Zustände in den Kliniken war und nicht glaubte, dass man so Tieren helfen könne. Sie wandte sich der Naturheilkunde zu und bereiste die ganze Welt, um von Zigeunern und Naturheilern so viel wie möglich über Kräuterheilkunde zu lernen. Immer mit dabei ihre weltberühmten Afghanen.

In den 1930ern leitete sie in England eine Staupe-Klinik, in der sie die Tiere gemäß der von ihr entwickelten Naturheilmethode behandelte. Sie hatte erstaunliche Erfolge und erreichte einen hohen Bekanntheitsgrad. Ihre Methode hielt sie in ihrem Buch „The Cure for Canine Distemper” fest, das sich sehr gut verkaufte.

Juliette de Baïracli Levy bereiste Zeit ihres Lebens weiterhin die Welt, lernte so viel wie möglich und züchtete Afghanen, die bekannt waren für ihre außergewöhnliche Gesundheit und immer wieder Sieger auf Ausstellungen waren. Einige ihrer Hunde wurden 18 Jahre alt. Außerdem schrieb Sie viele Bücher zur naturheilkundlichen Behandlung von Menschen und Tieren.

Viele Hundehalter und Züchter überzeugte sie mit ihrem Konzept des Natural Rearing und diese berichteten immer von gesunden Hunden, in Zeiten, in denen sich die Meldungen über kranke Hunde häuften. Im englischsprachigen Raum gibt es auch heutzutage noch viele Züchter, die auf Natural Rearing schwören und dieser Methode seit Jahrzehnten treu sind.

Natural Rearing

Natural Rearing wurde als Begriff von Juliette de Baïracli Levy geprägt und umfasst die gesunde Aufzucht, Haltung und Ernährung von Hunden. Schon früh warnte sie vor industriellem Fertigfutter und Impfungen.

Natural Rearing steht auf folgenden Grundpfeilern:
• Natürliche Ernährung mit rohem Futter
• Leben in einem Rudel
• Haltung in einer sauberen Umgebung
• Viel Zugang zu frischer Luft und Sonne
• Sauberes reines Wasser
• Viel freie Bewegung für die Hunde, mindestens zwei Stunden täglich

Juliette de Baïracli Levy ging schon zu ihrer Zeit davon aus, dass nur eine Ernährung mit rohem und frischen Futter für den Hund geeignet ist und vergleicht mit den Beutetieren der Wölfe. Zusätzlich zum Fleisch würden da in kleinen Mengen noch Beeren, Obst, Nüsse, Gräser und Kräuter gefressen. Da es uns kaum möglich ist, Tiere im Ganzen roh zu verfüttern, versuchte schon Juliette das Beutetier nachzubauen.

Die Natural Rearing Diet

Da Juliette ihren Ernährungsplan aufstellte, bevor jeder Zugang zu Milligramm-Waagen hatte und es üblich war, volle Blutprofile als Vorsorge von unseren Hunden machen zu lassen, sind viele Ihrer Hinweise eher „dicker Daumen“ Angaben.

Als Fleisch empfiehlt sie Rinder-, Pferde- und Schaffleisch. Kopffleisch ist für sie eine erschwingliche Alternative zu Muskelfleisch. Kaninchen können ganz verfüttert werden, dann aber bitte mit Fell, da die behaarte Haut Verletzungen durch Knochensplitter verhindert.
Sie empfiehlt, dass bis zu 20 % der Fleischmahlzeit aus Leber, Herz und Nieren bestehen können, wobei Leber sparsam eingesetzt werden sollte, da es zu Durchfall kommen kann.
Sie empfiehlt die Gabe von Fleischknochen, rät jedoch von zu dünnen Knochen, wie Geflügel oder Fischgräten ab, da diese splittern könnten.
Knochen sollten niemals auf leeren Magen gefüttert werden.

Eier gibt sie 3-4 mal die Woche mit zerkleinerter Schale und roh.

Getreide ist für sie nicht so wichtig wie Fleisch, aber sie füttert es, da Getreide essentielle Mineralien und viele Vitamine liefert. Sie nahm Vollkorngetreide als Flocken oder gewalzt, welche sie über Nacht einweichte, um den begonnen Verdauungsprozess im Beutetier zu imitieren. Das Einweichen erfolgt bei ihr in Sauermilch oder selbstgemachter Gemüsebrühe. Sie empfiehlt Hafer, Gerste, Roggen und Mais. Später hat sie eine eigene Flockenmischung auf den Markt gebracht, die heute leider nicht mehr erhältlich ist.

Milchprodukte: Sie empfiehlt Sauermilch, da diese Wurmbefall reduziere. Außerdem kann man Frisch- oder Hüttenkäse geben. Auch frische Milch gab sie, allerdings nur, wenn sie diese frisch als Vorzugsmilch bekam.

Gemüse: Hier nennt sie hauptsächlich Rüben und Karotten als geeignet.

Sonstiges: Sie gibt naturbelassenen Honig als Energiespender, Nerven- und Herztonikum. Außerdem als Anregung für das Immunsystem bei nahezu jeder Krankheit.
Kelp gibt sie als Quelle für natürliches Jod. Über Kelp habe ich bereits hier geschrieben.
Fischöl gibt sie ausschließlich in den Wintermonaten.

Schöne Haut und strahlendes Fell

Ernährungsplan für einen mittelgroßen Hund

Der von ihr empfohlene Ernährungsplan für einen erwachsenen Hund sieht so aus, wobei die Mengenangaben immer einen mittelgroßen Hund betreffen:

Mittags (sie ist überzeugt, dass Essen morgens den Hunden schadet):

Eingeweichtes Getreide (in Sauermilch oder Gemüsebrühe), 3-4 mal die Woche ein rohes Ei und 1 TL Weizenkeimöl.

Abends:

Rohes Fleisch mit ein wenig Fett, 1 EL Weizenkeimflocken, 1 TL Fischöl (in den Wintermonaten), 1 gehäufter TL gehackte frische Kräuter wie z.B. Petersilie, Kresse oder Löwenzahn, gerne auch geraspelte Karotten, 1/4 TL Kelp,  1 TL Kleie, um den Verlust an Ballaststoffen aus Haut und Fell auszugleichen. Ergänzend können nach dem Essen rohe Knochen gegeben werden.

Sie empfiehlt einen fleischlosen Tag und einen Fastentag in der Woche für erwachsene Hunde.

Natural Rearing bei uns

Durch das Buch von Juliette de Baïracli Levy bekam ich das Gefühl, dass auch ich das kann, dass das Ganze gar nicht so schwer und mit gesundem Menschenverstand zu bewerkstelligen ist.

Da sie keine Mengenangaben nennt, kam ich dann doch auch recht schnell zu den Büchern von Swanie Simon (die übrigens Juliette de Baïracli Levy sehr schätzte) und Nadine Wolff. Inzwischen habe ich mich eingelesen, Konzepte und Mengenangaben verschiedenster Autoren mit meinen Futterplänen abgeglichen und diese auch immer wieder überprüft und überarbeitet, aber ich kehre immer wieder zu diesem Buch zurück. Ich bekomme die Sicherheit, dass egal was ich mache, so lange ich mit Liebe, Neugier und gesundem Menschenverstand würze, es besser ist als alles, was ich fertig kaufen kann.

Aus den USA gibt es ein Buch „Holistic Guide for a Healthy Dog“ von Wendy Volhard, das auf den Methoden von Juliette de Baïracli Levy basiert. Frau Volhard selbst konnte durch die Umstellung auf Natural Rearing Anfang der 1970er ihren geliebten Neufundländer retten, dem aufgrund von Multi-Organ-Versagen nur noch wenig Zeit gegeben wurde. Beflügelt durch ihren Erfolg begann sie, diese Form der Ernährung mit wissenschaftlichen Empfehlungen abzugleichen, mit Experten zu sprechen und mit Hilfe ihrer Tierärztin Hunderte von Blutbildern zu analysieren. Zwölf Jahre später, 1984, veröffentlichte sie ihre Version des Natural Rearing, basierend auf den modernen Erkenntnissen zum Nährstoffbedarf der Hunde. Juliette begrüßte die Weiterführung ihrer Arbeit und dankte Wendy Volhard dafür.

Juliette verstarb am 28. Mai 2009. Spät in Ihrem Leben wurde sie einmal gefragt, woran sich Leute in Bezug auf sie erinnern sollen. Sie sagte, sie möchte wegen Ihrer wunderbaren Turkuman Afghanen in Erinnerung bleiben, weil sie erfolgreich in den 30er Jahren die Staupe Klinik führte und weil sie mit gesundem Menschenverstand in England eine große Anzahl Schafe rettete.
Diesen Gefallen kann ich ihr leider nicht tun. Ich werde sie immer dafür in Erinnerung behalten, dass sie mir unendlichen Mut gab und mir ermöglichte, selbst die Verantwortung für meine geliebten Tiere zu übernehmen.

Wenn Du mehr über diese unglaubliche Frau wissen möchtest, empfehle ich Dir die wunderbare Dokumentation Juliette of the Herbs!

Bei YouTube gibt es einen Einblick: Juliette of the Herbs

 

 

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    1. Kann ich verstehen. Wir bekommen sie extrem frisch von einem Nachbarn. Die essen selbst wir roh, zum Beispiel als Tiramisu oder Aioli. Kommt immer darauf an, woher Du sie beziehst.

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