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Hundetraining

Der Sprung von der Klippe

Enki genießt es zu laufen, seine Freiheit zu spüren. Daher hat er mich beim Spaziergang schon ein paar Mal stehen gelassen wie bestellt und nicht abgeholt.

Und Kane ist im Garten ein begnadeter Jäger. Beim Spaziergang ist er nicht selten mit der Nase nur am Boden oder in der Luft und bekommt kaum etwas anderes mit.

Was beiden gemein ist: Sie sind nur mit Leine unterwegs, denn ich traue mich nicht sie abzuleinen.

Mit der Angst Hand in Hand

Ich habe grundsätzlich keine Angst davor, dass mein Hund mich stehen lässt. Ich bin dann nicht wütend, nehme das auch nicht persönlich. Ich glaube auch nicht, dass das ein Zeichen schlechter Bindung sei.

Aber ich habe wahnsinnige Bauchschmerzen vor dem, was passieren könnte. Bei uns ist der Freilauf sowieso nicht erlaubt. Um uns herum ist nur waldreiches Naturschutzgebiet und in Wäldern ist in Schleswig-Holstein Leinenpflicht, in Naturschutzgebieten allemal.

Das habe ich gerne wieder und wieder als Ausrede genommen, warum meine Hunde nur an der Leine unterwegs sind.

Aber das ist es nicht: Ich habe Angst, dass sie auf den Falschen treffen. Einen irren Jäger, der sich gerade ärgert, dass sie sein Wild aufgescheucht haben.

Ich habe Angst davor, dass sie Wild aufscheuchen. Das haben Bambi und Co. nicht verdient, es ist ihr Wald. Und ich habe Angst davor, dass sie zu weit laufen, eine der Land- oder gar Bundesstraßen kreuzen und einen Unfall verursachen.

Und ein wenig Angst habe ich auch, dass Enki einen anderen Hund attackiert. Wobei das meine kleinste Sorge ist. Ohne Leine würde ich vermuten, dass er eher einen Bogen läuft. Aber ich weiß es halt nicht.

Ein kleiner Sprung für Kane, ein großer für mich

Vor kurzem haben wir einen GPS-Tracker getestet und ich habe Kane das erste Mal im Wald losgemacht. Und es kam, wie es kommen musste, er hat mich stehen gelassen. Dank Tracker habe ich gesehen, wie er nach einer kurzen (gefühlt ewig langen) Weile umdrehte und zu mir zurück lief. Aber ich fühle mich nur ein wenig sicherer. Die Lösung kann das natürlich nicht sein.

Wege zur Freiheit

Wir arbeiten gerade neu an einem Stopsignal und bauen den Rückruf neu auf. Außerdem überprüfe ich unsere gesamte Beziehung, versuche nach und nach jede Bevormundung zu unterlassen und dafür die Bindung noch mal zu stärken.

Für mich ist zur Zeit noch nicht absehbar, wann ich sie ruhig frei laufen lassen kann. Aber ich bin mir sicher, dass das irgendwann so weit sein wird. Denn ich möchte dieses Gefühl nicht mehr. Ich hasse die Angst, den Kloß im Bauch.

Mein altes Ich

Manchmal vermisse ich mein altes Ich. Meine erste Hündin ist auch ein paar Mal abgehauen, aber damals standen wir Hundehalter noch nicht im Fokus. Es gab keine Leinenpflicht, wenn ein Hund Mist baute, wurde das noch eher weggelächelt.

Diese Hündin habe ich beim dritten Mal einfach im Wald gelassen und bin nach Hause gegangen. Ich hatte keine Lust mehr von ihr missachtet und verarscht zu werden. Nach ein paar Stunden vielleicht ging ich nach unten und da saß sie vor unserer Haustür. Ich habe nicht geschimpft, aber auch nicht gelobt. Kommentarlos habe ich sie mit in die Wohnung genommen und ihr Futter zubereitet. Das war das letzte Mal, dass Ronja mich im Wald aus dem Blick verloren hat. Die restlichen 10 Jahre ihres Lebens waren wir immer gemeinsam ohne Leine unterwegs.

Alles ist unter dem Mikroskop

Heute habe ich das Gefühl, dass alles unter dem Mikroskop betrachtet wird. Ein Hund, der den Besitzern abhaut und ihnen beim Rückruf die Mittelkralle zeigt, wird sicher auf einen anderen Hund mit Halter treffen, der dann auf seinem Social Media Profil in epischer Breite über die Unzulänglichkeit des anderen Hundehalters schreibt.

Ein Hund, der einem Reh hinterher hetzt hat große Chancen in der Lokalpresse zu landen.

Ein Hundehalter, der verzweifelt im Wald steht und überlegt, ob er sich nun doch mal eine Pizza bestellt, um die Wartezeit zu verkürzen, wird mit Sicherheit Lektionen eines Försters oder Jägers erhalten. Von den gutgemeinten Ratschlägen und abschätzigen Blicken anderer Hundehalter wollen wir gar nicht reden.

Ich will hier gar keine Lanze für die verantwortungs- und gedankenlosen Hundehalter brechen, die es sicherlich gibt. Aber das ständige an den Pranger stellen löst bei uns Hundehaltern einen Perfektionsdruck aus, der sich nur schwer abschütteln lässt. Der keinen Raum für „shit happens“ lässt.

Und ich merke beim Schreiben dieser Zeilen, wie viel mehr mich den Sprung von Klippe fürchten lässt als nur die Sorge um die Sicherheit der Rabauken.

Auf die Note lasse ich Dich mit meinen Gedanken allein und versuche meine Schlüsse zu ziehen. Wenn Du magst, erzähle mir mal welche Du ziehst.

Bis bald!

Hundeblog The Pell-Mell Pack

About Author

Bloggerin mit einem Faible für Fotographie.