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Leben mit Hund

Gerechtigkeitssinn bei Hunden

Du bist so unfair!!!!

Haben Hunde einen Gerechtigkeitssinn? Zählen sie mit, wie viele Kekse nun der andere bekommen hat oder ob hier 5 Schmusesekunden mehr verteilt wurden? Gerade als Frauchen von zwei Hunden ist die Frage für mich interessant. Denn ich will auf keinen Fall, dass es Streit zwischen Enki und Kane gibt, den ich durch Ungerechtigkeit ausgelöst habe.

Und das geht schneller als man denkt. Da wird schnell mal Enki etwas mehr verwöhnt, weil ich nicht möchte, dass er denkt ich habe das Kleinteil lieber als ihn und er sei nun abgelöst. Oder da wird Enki mal besonders laut angeraunzt, weil er Kane mit tieferer Stimme die Meinung geigt und Kane den unschuldigen Wimpernaufschlag perfektioniert hat.

Aber empfinden Hunde hier ähnlich wie wir und haben sie einen Sinn für Gerechtigkeit – oder eben ungerechte Behandlung?

Was sagt die Wissenschaft?

Die sagt, Hunde haben durchaus einen Gerechtigkeitssinn, genau wie Wölfe. An der Veterinärmedizinischen Universität Wien wurde eine Studie[1] mit Hunden durchgeführt und mit Wölfen wiederholt. Es wurde immer zwei Hunden eine Aufgabe gestellt (Drücken eines Knopfes). Ein Hund wurde mit rohem Fleisch belohnt, der andere erhielt entweder gar nichts oder nur einen kleinen trockenen Keks. Die Hunde stellten genauso wie die Wölfe die Zusammenarbeit mit den Trainern ein. Denn wer geht schon für einen kleinen Keks los, wenn der Nachbar ein Steak bekommt. Spannend ist auch, dass Hunde wie Wölfe ihre Anstrengungen nur einstellten, wenn sie gesehen haben, dass ein Partner besser behandelt wurde. Wurde der Versuch nur mit einem Tier allein gemacht, das mal leer ausging, mal einen Keks und mal feinstes Fleisch bekam, machte es immer weiter mit. Es musste also der Vergleich hinzukommen, sprich, es ist wirklich ein Empfinden für Ungerechtigkeit.

Die Wölfe allerdings gingen noch weiter als unsere Hunde. Sie hielten danach auch weiterhin Abstand zu dem Trainer, der sie ungerecht behandelte. Die Hunde verziehen schneller, wobei ich mir sicher bin, dass das bei andauernder Ungerechtigkeit auch nicht mehr so wäre.

Das Clementinen-Debakel

Wir haben selbst so eine Situation mit Enki und Luna erlebt. Luna liebte Clementinen. Schon beim Anblick lief ihr der Sabber, und wenn man anfing eine Clementine zu pellen, war kein Halten mehr. Enki hingegen hat dafür kein Verständnis, Clementinen sind für ihn das Widerlichste überhaupt.

Eines Abends auf der Couch erfreute sich mein Mann an einer großen Schale Clementinen und gab Luna immer wieder etwas ab. Enki ging leer aus, er spuckte einem die Stücke ja sowieso vor die Füße. Vom Fernsehen abgelenkt entging uns zunächst das leise tiefe Grollen von Enki, bis er eskalierte und Luna von uns wegschnappte. Zu frustrierend war es für ihn, dass Luna etwas bekam, er jedoch nicht – egal, ob es ihm nun schmeckt oder nicht. Im Nachhinein total logisch und verständlich. Aber in dem Moment haben wir nicht gesehen, in was für eine Katastrophe wir da reinrutschten.

Der Hund ist in den Brunnen gefallen

Die Folge des Clementinen-Debakels war eine andauernde Futterstreitigkeit zwischen Enki und Luna. Immer zählte Enki genau, achtete darauf, dass er ja nicht wieder leer ausging und schnappte notfalls auch nach Luna, wenn er das Gefühl hatte, sie dränge sich in den Vordergrund – was sie auch häufig tat, sie war nämlich wahnsinnig verfressen. Bis zuletzt haben wir das nicht mehr in den Griff bekommen.

Neuer Hund, neues Glück

Gerade im Hinblick auf Futteraggressionen wollte ich bei Kane von Anfang an alles richtig machen. Ich achte sehr darauf, dass beide gleich behandelt werden und es zahlt sich aus. Enki hatte seine Erfahrung nicht an mich, sondern an Luna geknüpft und hat bei Kane neu bewertet. Daher haben wir hier zum Glück keine Probleme mehr.

Du hast ihn viel lieber als mich

Anders sieht das bei Zuneigung, Spiel und Spaß aus. Hier ist es nicht immer so einfach, gleich zu verteilen. Und für mich auch nicht das oberste Ziel, denn auch etwas Frust muss Hund aushalten lernen. Das Leben ist eben nicht immer ein Ponyhof. Trotzdem sollen sich beide unterm Strich wohl und gleich behandelt fühlen. Da merke ich dann schon, dass ich zum Beispiel mit Enki etwas länger mit seinem geliebten Ball gespielt habe, als mit Kane. Denn dann drängt er sich dazwischen und fordert sein Recht ein. Das merkt aber auch Enki und er würde das Dazwischenquetschen nicht kommentieren, sondern macht Kane dann freiwillig Platz an meinem Wurfarm. Und wenn ich abends im Bett noch mit Kane kuschele, robbt nach einer kurzen Zeit Enki vom Fußende hoch und will seinen Anteil an abendlicher Zuwendung.

Mit der Ungerechtigkeit spielen

Wir trainieren den Rückruf mit der Hundepfeife als letzter Notanker. Da das mit Luna schon so gut funktionierte, will ich das bei Enki auffrischen und bei Kane festigen. Und hier spiele ich mit ihrem Gerechtigkeitssinn. Denn der, der schneller war, erhält mehr Leckerchen als der andere. Und sei es auch nur eine kurze Schnauzenlänge. Als Konsequenz kommen sie immer schneller angerannt, wenn die Pfeife ertönt. Mir ist klar, dass das nichts mit Bindung zu tun hat, sondern ganz straight operante Konditionierung nach Skinner. Aber ehrlich, in diesem Fall sollen sie auch kleine konditionierte Zirkusaffen sein. Denn die Hundepfeife ist für mich wirklich nur ein letzter Notanker, um im Zweifelsfall sie oder andere zu schützen. Da kann ich keine Diskussion gebrauchen.

Ich finde es immer wieder faszinierend, was für komplexe emotionale Lebewesen unsere Hunde sind und wie lange wir ihnen das in unserer Menschheitsgeschichte abgesprochen haben. Und ich bin sehr gespannt, wie viele Beobachtungen von Hundehaltern die Forschung in Zukunft noch bestätigen

[1] „Domestication does not explain the presence of inequity aversion in dogs“ •          Jennifer Essler (Veterinärmedizinische Universität Wien) et al., Current Biologiy, doi: 10.1016/j.cub.2017.05.061

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Bloggerin mit einem Faible für Fotographie.

6 Comments

  • Anke
    22. Oktober 2019 at 21:41

    Ich habe auch zwei Hunde. Die Hündin kam etwas später dazu. Da sie nicht sozialisiert war, benötigte sie spezielle Trainings und bekam auch deutlich mehr Aufmerksamkeit, als der unkomplizierte, leicht erziehbare Rüde. Er zog sich darauf hin immer mehr zurück. Dadurch bekam die Kleine noch mehr Aufmerksamkeit. Sie dachte, sie wäre die Königin. Meine Bekannten machten mich darauf aufmerksam. Ich war in meiner Retter Rolle gefangen. Und so habe ich auch wieder unseren Rüden mehr gesehen und ihm Aufmerksamkeit geschenkt. Heute fordert er es ein, es hat aber lange gedauert. Die Hunde haben ganz klar die Ungerechtigkeit gespürt und sich entsprechend verhalten.

    Reply
    • Stephanie Rose
      28. Oktober 2019 at 16:32

      Liebe Anke,

      oh ja,das kenne ich nur zu gut. Luna war auch diejenige, die die größeren Baustellen hatte. Wenn ich mich so erinnere, bekam sie also nicht nur mehr Clementinen, sondern auch mehr Aufmerksamkeit in Form von Training. Ach Mensch, der arme Enki. 😉
      Aber toll, dass Deine Bekannten Dir geholfen haben das zu reflektieren.

      Herzliche Grüße
      Stephie

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  • Isabella
    23. Oktober 2019 at 11:56

    Bei uns haben ja auch schon sehr unterschiedliche Hundepaarungen gelebt – und wir haben festgestellt, dass bei jeder Paarung etwas anderes gerechter aufgeteilt werden musste. Mal waren es die Futterrationen, mal die Streicheleinheiten, mal die Beschäftigung mit den Hunden, mal die Leckerchen. Jeder unsere Hunde hate andere Dinge, die für ihn wichtig waren und bei denen er genau daruf geachtet hat nicht zu kurz zu kommen … und wir haben immer versucht (tun wir auch heute noch) dem gerecht zu werden 🙂

    Liebe Grüße,
    Isabella mit Cara und Shadow

    Reply
    • Stephanie Rose
      28. Oktober 2019 at 16:30

      Liebe Isabella,
      stimmt, jetzt wo Du es sagst und ich unsere Hundepaare mal so reflektiere… Bei uns waren es auch immer unterschiedliche Dinge, denen Gewicht zugemessen wurde. Danke, für die Erinnerung.

      Herzliche Grüße
      Stephie

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  • Regina
    28. Oktober 2019 at 9:43

    Das kenne ich tatsächlich in einigen Situationen auch sehr gut. Häufig ist Pitty ein wenig eifersüchtig, wenn es um Leckerlis geht, wobei er häufig derjenige ist, der mehr bekommt. Dagegen ist Quincy sehr eifersüchtig, was Streicheleinheiten angeht und drängt sich immer dazu, wenn ich Pitty Aufmerksamkeit schenke. Hier ist eher das Gegenteil der Fall und er bekommt häufig mehr Aufmerksamkeit. Auf jeden Fall ist es sehr interessant und wie du selbst sagst, zum Teil auch sehr schwierig das gleiche Maß für alle zu finden …

    Liebe Grüße,
    Regina

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    • Stephanie Rose
      28. Oktober 2019 at 16:29

      Liebe Regina,
      ich denke, das gleiche Maß muss es ja auch nicht unbedingt sein. Nur so ein Debakel wie das mit den Clementinen sollte man vielleicht vermeiden. 😉
      Spannend, dass du das bei Deinen Hunden auch so beobachtest.

      Herzliche Grüße
      Stephie

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