Training & Erziehung

Du und ich – Pfote in Hand mit Paula

September 8, 2016

Paula ist ein besonderer Hund. Wir haben uns vor Jahren aus den falschen Gründen für sie entschieden und diese Entscheidung prägt unser Zusammenleben.

 

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Aber von vorne: Vor zwölf Jahren suchte unser damaliger Tierarzt neue Besitzer für einen Hund, den er nach einem schweren Verkehrsunfall wieder zusammengeflickt hat. Wir hatten damals bereits einen Hund, die unvergleichliche Ronja. Sie war alles, was wir uns je an Hund erträumt haben und dann noch weit mehr. Nachdem wir von unserer kleinen Wohnung in unser Haus umgezogen sind, wollten wir gerne einen zweiten Hund. Wir hatten Zeit, Platz und wünschten uns Gesellschaft für Ronja. Es begann eine Odyssee durch alle Tierheime der Umgebung, aber bei keinem Hund wollte es so recht passen.

Wie Paula zu uns kam

Dann lernten wir Paula kennen. Ich hatte mir immer einen schwarzen Hund gewünscht und fand sie sofort niedlich. Hauptsächlich tat sie uns aber leid, weil sie in so jungen Jahren schon so viel erdulden musste. Außerdem hatten wir eine nicht geringe Wut gegenüber den Vorbesitzern im Bauch, nachdem wir Paulas Geschichte gehört hatten. Sie war erst ein paar Monate alt, als sie einen Autounfall hatte. Die Vorbesitzer fanden, dass ein Zaun nicht zur Optik des Hauses passt und ließen trotzdem ihre Hunde einfach laufen – an einer befahrenen Straße! Nach dem Unfall ließen sie die verletzte Paula einen Tag liegen in der Hoffnung, dass die Natur das Ganze billig regelt. Da Paula aber nicht aufgeben wollte wurde sie am nächsten Tag zum Tierarzt gebracht. Er sollte einschläfern, da sie nun ja nichts mehr wert war, so kaputt, und die anstehenden OPs zu teuer wären. Vorgefahren sind sie natürlich in einem schicken neuen SUV und in unserer Gegend waren sie auch als nicht gerade arm bekannt. Wegen des nicht vorhandenen Zauns war Paula nicht der erste verunfallte Hund der eingeschläfert werden sollte und der Tierarzt hatte die Schnauze voll. Er ließ sich den Hund überschreiben und schmiss die Leute aus der Praxis. Einige OPs und Monate später war er nun auf der Suche nach einem neuen Heim für sie.

Getrieben von Wut und Mitleid sagten wir sofort ja. Ronja durfte auch noch mal mitentscheiden, fand Paula aber belanglos. Wir waren damals zu naiv das Verhalten der beiden Hunde realistisch einzuschätzen und dachten: Super, die gehen sich nicht an die Kehle, also verstehen sie sich und alles wird gut.

Erziehung? Fehlanzeige

Paula kam und wir waren voll und ganz damit beschäftigt sie nach dem Unfall wiederaufzubauen. Erziehung, Sozialisierung, all diese hübschen Schlagworte tauchten an unserem Ereignishorizont nicht auf. Wenn Paula uns ansprang, bekam sie kein nein zu hören, sondern wir freuten uns, dass sie überhaupt wieder springen kann.

Nach und nach bemerkten wir, dass Paula kein normales Sozialverhalten zeigte. An der Leine pöbelte sie jeden anderen Hund an und hat mich auch schon mal durch den Wald hinter sich hergezerrt. So richtig auf dem Hintern durch den Schlamm rutschend einem anderen Hund hinterher.

Auch Zuhause hat sie sich Jahre wie ein Welpe benommen und alles kaputt gemacht, das ihr zwischen die Zähne kam. Zusätzlich zu ihrer Zerstörungswut hat sie auch eine nervale Störung, sodass sie seit sie zu uns kam nie stubenrein wurde. Sie bemerkt halt erst kurz bevor sie muss, dass es so weit ist und kann dann auch nicht anhalten. So sehr ich mich bemühte, ich habe sie über Jahre nicht als liebenswerten Hund wahrgenommen, sondern als Last. Es gab immer wieder Momente wo ich mich ihr näher fühlte und mich über sie und über Fortschritte freute und dann kam der nächste Tag, an dem das gesamte Haus vollgeschissen war (sie hatte häufig Durchfall) oder an dem sie eine Packung Nesquick aus dem geschlossenen Vorratsschrank erbeuten konnte und schokofarbenes Erbrochenenes auf einem hellen Wollteppich verteilte. Unvergessen auch die Nacht in der sie (mal wieder) meine Handtasche aus der Garderobe erbeutete. Dieses Mal zerkaute sie jedoch eine Geldtasche und fraß drei Tageseinnahmen meiner Firma. Wenn „die Hausaufgaben hat der Hund gefressen“ schon nicht zieht, was meint ihr sagen Lieferanten zu „das Geld hat der Hund gefressen“? War nicht witzig.

Wir waren mit ihr in verschiedenen Hundeschulen aber bis heute ist uns nicht klar, wo das Problem liegt und mit allen möglichen Tricks der Erziehung sind wir dem auch nicht beigekommen. Einzig das Alter hat sie anderen Hunden gegenüber gnädiger gemacht und inzwischen übersteigen ihre Kräfte meine auch nicht mehr. Allerdings erbeutet sie immer noch gerne Sachen und kaut darauf rum. Selbst mit 13 Jahren ist sie nicht zu alt für Junghundeverhalten.

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Sozialverhalten ist nicht ihre starke Seite

Als Ronja verstarb merkten wir erst wie dominant unser Ersthund war und wie sehr Paula über Jahre in ihrem Schatten stand. Plötzlich taute sie auf und interagierte mehr und mehr mit uns. Zeitweilig hatten Paula und ich richtig gute Zeiten, in denen ich ein enges Miteinander spürte. Dann kam Jamie dazu, der viel meiner Aufmerksamkeit band, da er als junger Hund erzogen und als Aussie auch in einem hohen Maß bespaßt werden wollte. Aber ich merkte, dass Jamies fröhliche Art gut zu Paula passte. Ihre eigenbrötlerischen Eigenheiten hat er nicht ernst genommen und sie nie gemaßregelt. Er konnte sie sogar zu gemeinsamen Spielen motivieren. Wir hatten ein paar harmonische Jahre ohne Streit.

Als Jamie dann krank wurde, machte sich die enge Bindung der beiden noch mal bemerkbar. Paula wich Jamie und mir nicht von der Seite und lag immer bei uns. Ich hatte das Gefühl, sie wollte ihm beistehen und Energie geben. Diese rücksichtsvolle zarte Seite hatte ich so in all den Jahren noch nie bei Paula erlebt und ich liebe sie dafür.

Enki und Luna hingegen haben für Paulas Eigenheiten nichts übrig. Aus einer schwächeren Position motzt sie die beiden an und zickt auch noch rum, wenn sie schon auf dem Rücken liegt. So haben wir zurzeit leider wieder viel Stress zuhause, weil wir ihr der alten Dame Paula beistehen wollen und natürlich versuchen Streitereien zu verhindern, auf der anderen Seite uns aber auch Gedanken machen, was gerade Enki, der noch beeinflussbar ist, lernt. Paula versucht ihm sein Essen, einen Ball oder was auch immer zu klauen. Wirft sich dann in einer Beschwichtigungsgeste auf den Rücken und jault. Wenn er von ihr ablässt, hebt sie jedoch den Kopf und beißt ihm von unten in den Hals. Inzwischen nimmt er Beschwichtigungsgesten von ihr noch nicht mal mehr ernst.

Paula liebt Kinder und ältere Menschen

Ihre tollste Seite zeigt Paula mit kleinen Kindern und alten Menschen. Wenn ich Paula ein Leckerchen hinhalte, macht sie die Augen zu und schnappt in die passende Richtung. Ich habe genug Zahnwunden an den Händen, die beweisen, dass sie eigentlich ein Landhai ist. Aber wenn Senioren oder kleine Kinder ihre Kekse mit ihr teilen wollen, geht sie ganz langsam an die Hand und nimmt das für sie bestimmte Stück mit den Lippen. Sobald Paula Kinder auch nur erblickt, freut sie sich, fängt an zu wedeln und will unbedingt zu ihnen. Von Kindern lässt sich ausgiebig kraulen und wedelt auch noch, wenn sie ihr am Schwanz ziehen. In einer Großfamilie mit Kindern wäre Paula der perfekte Familienhund geworden. Zu ihrem Pech ist sie jedoch bei uns gelandet und aufgrund der Probleme mit der Unsauberkeit haben wir nie eine neue Familie für sie gesucht.

Lieben wir Paula? Von Herzen ja, mit all ihren Eigenheiten. Vielleicht gerade, weil der Weg so beschwerlich war.

Trotzdem ist sie für mich auch ein Mahnmal, dass Mitleid keine Motivation sein sollte einen Hund zu sich zu nehmen. Und wenn es denn passiert, dass es keine Schande ist eine neue Familie zu suchen bei der es besser passt.

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Letzte Woche ging es Pfote in Hand mit Luna und vorletzte Woche mit Enki.

Du und ich – Pfote in Hand mit Enki

Du und ich – Pfote in Hand mit Luna

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  1. Pingback: Du und ich – Pfote in Hand mit Luna | The Pell-Mell Pack
  2. Wow. Ein Text, der Dir sicher nicht leicht gefallen ist, oder? Ich bewundere Deine Offenheit, auch die negativen Dinge zu benennen. Noch mehr aber bewundere ich Dein Durchhaltevermögen und dass Du Paula trotz aller Widrigkeiten in Dein Herz geschlossen hast.

    1. Vielen Dank! Ja, der Text kam nicht umsonst als letzter. Ich spielte seit dem ersten zu Enki damit rum, ob ich die Schattenseiten unter den Teppich kehre und 200 flauschige Wörter über Paula schreibe. Aber das fühlte sich falsch an.

      1. Und trotzdem bewirkt Dein Text, dass ich Paula zugetan bin. Ja, sie scheint schwierig, aber Du hast auch gute Seiten an ihr gefunden und beschrieben.
        Und 200 flauschige Wörter passen doch einfach nicht zu Deinem Stil. 😉

    2. Dem möchte ich mich gerne anschließen. Deine Offenkeit und Ehrlichkeit verdient wirklich Respekt. Noch viel schöner finde ich es, dass Du Paula nicht aufgegegeben hast. sie hat wirklich großes Glück gehabt zu Dir zu kommen.

      Viele liebe Grüße
      Sabine mit Socke

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