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2. Pubertät – Maintenance Mode, Please Return Later

2. Pubertaet beim Hund Titel

Schaut man in die Fachliteratur zum Thema Entwicklungsphasen beim Hund findet man häufig die Angabe, dass die 2. Pubertät mit circa 1,5 Jahren abgeschlossen sei. Bei größeren Hunden könne es länger dauern.

Nun ist Enki mit seinen rund 25 kg definitiv kein großer Hund. Gefühlt benimmt er sich sogar meist wie ein Schoßhund. Aber seine zweite Pubertätsphase ist seit gut 6 Monaten in vollem Gange und mit seinem 3. Geburtstag letzte Woche sicher nicht abgeschlossen. Was also diese zweite Pubertät beim Hund angeht, ist Enki eher der Spätzünder.

Szenen mit dem Spätpubertier

Enki trifft auf den tiefenentspannten Buddy von Buddy Schreibt. Hallo ist Enki zu kurz, also bellt er Folgendes:

„Ey Digga, willst du Problem oder was?“

Enki trifft auf seine Lieblingstrainerin Sylvia von TonCane. Freut sich wedelt, bellt

„Awwww, isch hab dir voll lieb!“

5 Minuten später, Sylvia kommt zu uns und möchte mir etwas geben, bellt Enki:

„Ey produzier mich nich alda, isch schwöar, sonst werd isch gleich attraktiv!“

Irgendwann im Frühjahr ging es los, dass Enki sich immer erwachsener verhielt. Er markiert jetzt konsequent auf drei Beinen und danach scharrt er wild grunzend. Übrigens einer dieser Momente, in denen ich nicht weiß, ob ich über Mr. Man lachen oder mich für ihn schämen soll.

Wenn wir anderen Lebewesen (ja, auch Eichhörnchen oder Vögeln) begegnen, wirft er sich in die Brust und knurrt erstmal. Fremde Hunde oder Menschen waren bis Ende letzten Jahres kein Problem und wurden freudig begrüßt. Jetzt werden sie erstmal verbal klein gemacht, bevor er nur auf die Idee kommt „Hallo“ zu sagen.

Freiheit – isch komm‘ auch ohne dir klar

Im Frühjahr begann er im Freilauf spontane Abstecher in den Wald zu machen. Er ist jetzt groß und meint, er müsse nicht mehr an meiner Hand durch die Welt laufen – was ihm nun natürlich wieder Leinenpflicht eingebracht hat. Sowieso ist der Spaziergang nur noch eine einzige Party für die Nase. Die Ohren sind voll abgeschaltet. Und das nicht nur auf meiner Stimmfrequenz. Vor lauter Schnuppern hat er letztens ein Reh verpasst, das direkt hinter uns durch das Unterholz brach. Als das Reh erschrocken wieder über alle Berge war, bemerkte er erst den Geruch und drehte sich in die Richtung um.

Und wer jetzt denkt, ich könne ihn mit Leckerchen unter der Nase ab- und wieder zu mir lenken: Ne, Fehlanzeige. Gegessen wird Zuhause, draußen ist das völlig uninteressant.

Die 2. Pubertät beim Hund kann einen zur Verzweiflung bringen. Kaum ging es bergauf, kommt das nächste Tal. Nichts geht mehr, alles wird vom Hund neu bewertet. Enki ist ein Spätzünder, er kam mit 2,5 Jahren in die 2. Pubertät - und noch sind wir nicht durch.

Mein Haus, meine Regeln

Tagsüber bellt Enki mehr. Vorher hat er nur nachts im Garten die Schatten verbellt. Nun wird erstmal jedes Geräusch angebellt, kurzer Blick zu Luna, ob sie in den Spaß mit einsteigt und dann geht es los. Auch dafür tiefsten Dank, lieber Enkman. Hatte ich Luna doch gerade erst so weit, dass sie nicht mehr alles und jeden verbellt.

In unbekannten Situationen, die er nicht sofort überblicken kann, ist er schnell gestresst. Er hat einen kleinen Kontrollwahn entwickelt und wenn das nicht möglich ist, steht ihm die Überforderung ins Gesicht geschrieben. Er hört, sieht und riecht dann nichts mehr, im Hirn scheinen wirklich gerade alle Verbindungen durchzubrennen. Kann ich ihm, wie zum Beispiel im Hundetraining, einen Moment Ruhe geben, lässt sich schön beobachten, wie Enki langsam wieder in seinem Fell ankommt.

Erst kehrt die Nase zurück, bewegt sich von rechts nach links, die Gerüche werden bewertet. Ist alles bekannt, entspannt er sich weiter und der Blick wird langsam wieder fokussierter. Als letztes kommen die Ohren hinzu, dann ist er wieder für Ansprache wieder empfänglich.

Enki gehört zur Landjugend

Kann ich ihm aber gerade nicht aus der Situation helfen und er muss die Überforderung länger ertragen, gerät er in eine richtig lange andauernde Stressphase. Das haben wir bei unserem Besuch bei Dreipunktecharlie in Köln beobachten können. Mitten in der Stadt war auf allen Eingangskanälen zu viel los für Enki. Abends stand er nur noch in der Wohnung, konnte nicht mehr aufhören zu hecheln und starrte mit leerem Blick geradeaus.

Bei diesem Besuch ist mir Enkis Verhalten das erste Mal richtig bewusst geworden. Seitdem meiden wir unklare Situationen, die ich nicht sofort beenden kann. Dafür setze ich ihn regelmäßig in quasi homöopathischen Dosen dem Stress des Neuen aus und erhöhe die Zeiten langsam. Bei uns ist es so entspannt und ländlich, dass ich viel früher solche Situationen hätte schaffen müssen. Nun habe ich einen kleinen dreijährigen Kaspar Hauser.

Ebenso ein Zeichen des erhöhten Stresslevels ist sein Bedürfnis zu kauen. Sofern er an irgendetwas herumkauen darf, geht es ihm deutlich besser. Fast wie zu Beginn nimmt er inzwischen wieder alles ins Maul.

Distributed Denial of Service

Sein Lernverhalten und Arbeitswille sind im Moment nahezu unberechenbar. Sonst musste ich ihn motivieren, mit mir zu arbeiten. Aber wenn er dann gedanklich auf arbeiten statt spielen eingestellt war, konnten wir schön trainieren.

Im Moment ist er häufig sofort Feuer und Flamme, schafft ein paar Minuten und schaltet dann von jetzt auf gleich vollkommen ab. Ihn dann wieder zu motivieren, ist fast nicht möglich. Es scheint, als wenn böse Hundehirn-Hacker einen DDoS Angriff auf den armen Enkman führen.

Bereits Gelerntes ist plötzlich wie weggewischt, die Festplatte überschrieben. Gestern ging es noch, heute werde ich nur doof angesehen. „Ich verstehe nicht Platz…“

Die 2. Pubertät beim Hund kann einen zur Verzweiflung bringen. Kaum ging es bergauf, kommt das nächste Tal. Nichts geht mehr, alles wird vom Hund neu bewertet. Enki ist ein Spätzünder, er kam mit 2,5 Jahren in die 2. Pubertät - und noch sind wir nicht durch.

Mein Fressen gehört zu mir

Futter ist ebenfalls so ein Thema, damit ging es sogar los. Letzten Herbst gewann Futter plötzlich an Wichtigkeit. Luna, mit der er vorher in Eintracht Seite an Seite gefressen hat, wurde plötzlich angeknurrt und verstand die Welt nicht mehr.

Nach dem ersten heftigeren Streit der beiden bin ich sensibilisiert. Beide fressen jetzt ohne Sichtkontakt zueinander und bei Leckerchen achte ich sehr drauf, dass ich erst einem was gebe und dann bewusst dem zweiten. Wenn Enki als erster bekommen hat, halte ich ihn davon ab, nach Lunas Leckerchen zu schauen. Und langsam kommt zumindest bei dem Thema wieder etwas Frieden bei uns auf.

Meine Hunde bekommen übrigens nicht in einer festen Reihenfolge Leckerchen, sondern immer der zuerst, der als Erster reagiert hat. Selbst wenn es eine Nascherei wie Hundeeis oder Kong ist, müssen sie zumindest dafür sitzen. Und wer zuerst sitzt (oder angelaufen kam, als ich gerufen habe oder was auch immer), bekommt die Leckerei zuerst.

Lach mal

Im Gegensatz zu Enkis erster Pubertät bin ich diesmal allerdings klar im Vorteil. Die erste überraschte mich kurz nachdem er und etwas später Luna zu uns kamen. Ich hatte zwei Hunde, die ich beide nicht einschätzen konnte und mit denen ich Lichtjahre von irgendeiner Form von Team entfernt war. In diesem ersten Jahr flossen viele Tränen. Ich habe mich verflucht für diese doofe Idee, mit ein paar Monaten Abstand zwei Hunde zu adoptieren und war immer wieder kurz davor, alles hinzuschmeißen.

Aber inzwischen sind Luna und ich ein Team. Wir wissen, wie wir ticken und kennen die Stärken und Schwächen des jeweils anderen.

Ich habe also all meine Kraft und Energie für Enki und kann diese Wellen der Verwirrung mit Humor und Geduld nehmen. Wir üben einfach jeden Tag wieder aufs Neue, und täglich grüßt das Murmeltier.

Und dann und wann blitzt da dieser souveräne erwachsene Hund durch, der er verspricht zu werden. Ich freue mich auf den großen Mr. Man und bis dahin habe ich einfach Spaß mit meinem kleinen Kaspar.

Zum Weiterlesen

Ein unglaublich schön geschriebenes PDF von Anton Fichtlmeier zur Pubertät:

Die Pubertät

Bei Easy Dogs findet sich eine schöne Beschreibung inklusive der Erklärung, welche physiologischen Umbauvorgänge da gerade am Werke sind:

Adoleszenz – Der faszinierende Weg der Jugendentwicklung des Hundes

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